Nun am späten Abend war es angerichtet: ein Schwergewitter (wie der Wetterdienst es so schön nennt). Also wieder mit dem Rolldings raus in die brodelnde Hexenküche und Fotos machen...
So wie diese schönen Wolke zu Wolke Blitze.
Nun warte ich auf den Nachtisch, der hoffendlich aus einer großen Portion Abkühlung besteht.
Heute soll es ja im Laufe des Tages Gewitter geben. Eine erste Vorhut zog schon vorbei - so schaurig schön, daß ich gleich mit meinem Rolldings loshoppeln musste um ein paar Fotos zu machen...
Seit ich eine Digitalkamera besitze fotografiere ich munter drauflos. Das ist ja das Schöne und zugleich Schreckliche an der digitalen Fotografie, daß man vieles gleich wieder aussortieren kann, wenn es nicht gefällt.
Beim Durchsehen der Ausbeute des Tages fallen bei mir oft Bilder durch das: das-ist-ein-scharfes-Foto-also-ist-es-ein-gutes-Foto-Raster. Und von denen gibt es dank Ataxie eine ganze Menge. Schon zuckt der Finger über der „Löschen" Taste, aber dann zögert er doch.
Das multiple Hirn raunt leise: „Hey schau mal, das ist nicht unscharf, das ist hübsch"
Die Vernunft grummelt: „Das ist nicht hübsch, das ist verschenkter Speicherplatz"
Das ästhetische Empfinden lehnt sich zurück, schaut... schaut lange...
Die Vernunft motzt laut: „Ey können wir jetzt mal endlich löschen. Wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit, wir müssen noch die Post erledigen, den Müll runterbringen"
Das multiple Hirn murmelt beleidigt: „Spielverderber!"
Das ästhetische Empfinden schaut... schaut lange... gibt ein gedehntes „Hmmmmm..." von sich.
Die Vernunft - im scharfen Tonfall, bei dem das multiple Hirn sich vor Schreck in eine Ecke verzieht: „Also ich mach das jetzt weg."
Das ästhetische Empfinden zieht sanft den Finger von der „Löschen" Taste und öffnet einen neuen Ordner: „Ataxie ist Kunst - eine Zuflucht für die Unscharfen, aber genau deswegen Schönen."
Ich mag ja dieses Kinderlied vom Planet der verlorenen Dinge. Ob es wohl auch einen Planet gibt, auf dem die gesammelten verlorenen Fähigkeiten ein zweites Zuhause finden?
6 Monate sind ins Land gegangen seit mein letzter MS-Schub begonnen hat. Manche Symptome habe sich ein wenig gebessert, andere leider nicht. Okay, Hirnstammschädigungen dauern bei mir immer, aber trotzdem frage ich mich allmählich, ob das was jetzt ist, so bleibt wie es ist.
Ist schon der Moment gekommen an dem ich mich wieder einmal neu ausrichten sollte? Wieder einmal lerne das Leben hinzunehmen wie es ist?
Ich öffne die kleine Hintertür in meiner Seele, durch die ich schon vor langer Zeit ein paar liebgewonnene Dinge in ihr neues Leben fern von dem meinen entließ: die Fähigkeit Fahrrad zu fahren, die Fähigkeit ohne Gehilfe zu gehen, das Wissen in welcher Position sich meine Beine befinden, wenn ich die Augen schließe, die Fähigkeit Bewegungen fein abgestimmt zu koordinieren, die Kraft laut zu sprechen, die Fähigkeit Schwarzbrot zu essen ohne mich daran zu verschlucken, und nun vielleicht auch die das perfekte Zusammenspiel von Koordination und Augenbewegung...
Ich weiß das diese Hintertür eine kleine Katzenklappe hat. Und manchmal in der Nacht, Tage, Wochen, Monate nachdem ich die Hintertür geschlossen habe, schleicht sich etwas kleines zerzaustes durch diese Klappe in meine schlafende Seele und rollt sich dort in einer Ecke zusammen. Wenn es erwacht erkenne ich, daß Ataxie Kunst sein kann, daß Bewegung schön ist auch wenn sie nicht schön aussieht, daß Menschen neugierig starren weil sie Mensch sind, daß nicht wie man es sagt, sondern was man sagt zählt, daß ein Rollstuhl ein vierrädriges Fahrrad sein kann...
So verschieden die Menschen sind, so verschieden ist wohl das, was sie sich unter einem schönen Wetter vorstellen. Ich mag es wie gesagt lieber kühl bis kalt. Und für mich gibt es nicht öderes als einen leeren blauen Himmel, von dem den ganzen Tag sie Sonne lacht.
Wolken am Himmel finde ich schön. In allen Formen, Farben, Größen. So gesehen habe ich gerade eine gute Zeit: Es ist für die Jahreszeit zu kalt und der Wind scheucht Wolken und noch mehr Wolken über den Himmel wie eine aufgeschreckte Schafherde. Herrlich!
Wolkengucken hat für mich etwas Meditatives. Wenn ich an der Haltestelle neben den mit gesenkten Köpfen auf ihr Schlauphone starrenden Menschen stehe, geht mein Blick zum Himmel hinauf. Dort findet sich auch so manche Nachricht: Wolken die einen Wetterwechsel ankündigen, Wolken die wie Dinge aussehen, Wolken wie Gemälde, Wolken wie hingehauchte Poesie...
Und oft mache ich Fotos von Wolken. Erinnerungen an etwas, das sich ständig verändert und unwiederbringlich ist.
Heut morgen klingelte das Telefon. Ein freundlicher Herr vom Sanitätshaus Sowieso in Mitteldeutschland war am anderen Ende der Leitung um mir mitzuteilen, daß er am Vormittag vorbeikommen wolle um mir meinen Elektrorollstuhl zu liefern.
Ich war zunächst erfreut erschüttert. Ist ja noch nicht so lange her, das ich die Verordnung der Kasse vorgelegt habe. Da ich meine Krankenkasse kenne, habe ich mit drolligen endlosen Diskussionen gerechnet.
Ich bin was die Versorgung mit Hilfsmitteln durch die Kasse angeht leider nicht gerade verwöhnt. Als ich vor - wie lange ist das her - eineinhalb Jahren vielleicht - einen Leichtgewichtrollator beantragt habe, damit ich mich auch weiterhin selber versorgen kann, ergaben sich daraus geradezu absurde Telefonate mit der entsprechenden Hilfmittelberaterin der Kasse. Die gingen ungefähr so:
Sie: „Warum brauchen sie denn einen Leichtgewichtrollator?" Ich: „Weil ich, wie Ihnen mein Arzt schon im Attest geschrieben hat, neben der MS noch einen Haufen kaputter Bandscheiben habe und daher nicht schwer heben soll." Sie: „Aha" Pause Sie: „Und wofür brauchen sie den Rollator?" Ich: „Nun wofür man einen Rollator so braucht. Der hilft einem wenn man nicht mehr so sicher gehen kann. Ich habe MS und bin ataktisch." Sie (inzwischen schon recht schnippisch): „Aber wo wollen sie denn damit hin?" Ich: „Zum Einkaufen zB, oder in die Bibliothek.. Dazu muß ich den Rollator in die Straßenbahn heben." Sie (inzwischen schnippisch auf Stufe zwei): „Aber können sie denn nicht bei sich einkaufen?" Ich (entgeistert auf Stufe eins): „Wie meinen sie das?" Sie (schnippisch auf mindestens Stufe vier): „Na, sie brauchen doch nicht extra Bahn fahren zum Einkaufen!" Ich (schwankend zwischen entgeistert und belustigt): „Im meiner Umgebung gibt es nur einen Bäcker und sonst keine Geschäfte." Sie ( schnippisch auf ganz hohem Niveau): „Das gibt es doch nich!." Ich: „Doch, doch." Sie für Sekunden sprachlos, dann: „Ja aber müssen sie denn unbedingt raus?" Ich für Sekunden länger sprachlos und um Fassung bemüht: „Ja. Es kommt leider keine gute Fee und füllt meinen Kühlschrank. Und ab und zu muß auch ein Behinderter mal an die frische Luft." Sie: „Ich melde mich wieder."
Wie gesagt war ich daher sehr überrascht, das die Sache mit dem Rollstuhl fast glatt lief. Fast, denn als ich den netten Herrn von Sanitätshaus fragte was für ein Model er mir denn bringen wollte, sagte er freudig „Den Soundso, der ist klein und wendig." Mir schwante Arges. „Ähm... Wenn ich sie darauf aufmerksam machen dürfte das klein nicht wirklich zu meinen Körpermaßen paßt. Ich meine sie haben mich bisher weder nach Größe oder Gewicht gefragt, oder ob ich links- oder rechtshändig bin." Er, sehr kleinlaut: „Stimmt."
Nachdem er meine Maße mit denen des für mich vorgesehenen Rollstuhls verglichen hatte, fiel ihm auf das wir nicht zueinander passen und versprach sich die Tage wieder zu melden. Normalerweise wird erst maßgenommen, dann ausgeliefert, aber wem erzähl ich das... Vielleicht hatte der Herr ja einfach Lust auf einen vergeblichen Ausflug dreihundert Kilometer hin und dreihundert zurück...